Cage – für die Vögel I, II

Sein Name tut etwas zur Sache. Denn selbstverständlich ist das Projekt „Für die Vögel“ John Cage gewidmet, dem jüngst verstorbenen Komponisten-Original Amerikas.

Aber Cage meint auch, französisch ausgesprochen, etwas anderes: einen Käfig, und in einem solchen wähnt man sich im gläsernen Traisenpavillon in St. Pölten, in dem seit Anfang August Sebastian Prantl (Choreografie/Tanz), Cecilia Li (Musik) und Michael Pilz (Film) zusammen mit gut einem Dutzend Tänzer aus der halben Welt gemeinsam einen kreativen Höhenflug erproben. Durchlässig in jeder Beziehung, begrenzt er den Raum und lässt ihn zugleich offen – ein Ort der Interaktion, wie geschaffen für ein Ereignis, das von Extremen handelt: von Freiheit und Gesetz, vom Drinnen und Draußen, von Ruhe und Bewegung…

Die Vorarbeiten für das Projekt, an dem Musik und Film gleichen Anteil haben, waren aufwendig. Entsprechend groß das Tanz/-Film-Budget, das zahlreiche Sponsoren beigesteuert haben: rund 3,7 Millionen Schilling. Die einzelnen Stationen: Zuerst hat Prantl ihm bekannte und unbekannte Künstler angeschrieben. Auditions wurden notwendig. Schließlich verständigte er sich in Soloproben von April bis Juli mit den Ausgewählten auf eine bestimmte Bewegungsfolge, eine „Kata“ – die sich allerdings je nach Temperament und Musik (Klavierstücke von Chopin bis Cage) sofort wieder veränderte, ohne ihren Basis-Charakter einzubüßen: Als alle Tänzer im Traisenpavillon zum ersten Mal aufeinandertrafen, fand zwar zunächst ein „ungeheures Kräftemessen“ (Prantl) statt, aber die gewünschte Gemeinsamkeit war keinen Augenblick lang gefährdet.

Im Gegenteil. Wenn man den Proben beiwohnt, und das Publikum war dazu jeden Sonntag bei einem Internationalen Tanzsymposium eingeladen, hat man den Eindruck einer eingeschworenen Gemeinschaft, bei der sich jeder Einfall aus dem kollektiven Unbewussten speist: Nach dem Training, das jeden Tag ein anderes Ensemblemitglied leitet, üben sich die vierzehn in einer Gruppenimprovisation, bei der keiner dominiert, aber jeder dem Tanz eine andere Dynamik, eine weitere Farbe, eine neue Richtung geben kann. Und auch das Projekt verändert sich, ohne dass deshalb eine(r) durchdreht, von Probe zu Probe.

Ein Aufregendes, ein anregendes Experiment, das eines Tages möglicherweise sogar mal Modellcharakter gewinnen kann. Als Event am 4. November zwölf Stunden lang in der Wiener Secession vorgestellt, kann man sich davon überzeugen, dass der Prozess – ganz im Sinne von Cages Ästhetik – am Ende wichtiger ist als das Produkt.
[Hartmut Regitz, ballet-tanz]


Choreographisches Konzept: Sebastian Prantl
Musikalisches Konzept/Klavier: Cecilia Li
Video/Filmkonzept: Michale Pilz
TänzerInnen: Cosima Borrer, Alexandra Palma di Cesnola, Linda Forsman, Raphaela Giordano, Ruth Golic, Christoph Haleb, István Horváth, Ferenc Kálmán, Barbara Kryslova, Joel Luecht, Sebastian Prantl, Giorgio Rossi, Gunther Sackl, Beverly Sandwith, Sybille Starkbaum, Miklós Visontai
Kostüme: Eva Riedl
Organisation: Barbara Koller, NÖ-PlanungsGmbH

[Internationales Tanzsymposium im Traisenpavillon von St. Pölten, NÖ, August 1992; 12-Stunden Event in der Secession Wien, November 1992]

 

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