Sebastian Prantl
Statement
Fragment – Kontinuum: diese Polarität im Wortspiel – als Schlüssel für eine Auseinandersetzung mit Kunst im alltäglichen Lebenszusammenhang – scheint mir zunehmend von Bedeutung. Mehr und mehr erzeugt die Frage nach der polarisierenden Spannkraft, im Kontext der kulturellen Globalisierung – mit dem damit einhergehenden Wertewandel und einer beschleunigten Veränderbarkeit von Sichtweisen – eine Gelassenheit meinerseits, Dinge entstehen zu lassen und nicht zu produzieren.
Diese meine Orientierung kam nicht von ungefähr und bedeutet in Retrospektive, eine konstante Entwicklung, die es zu verstehen und immer wieder von neuem zu interpretieren gilt.
…Die Verwandlung von Ding zu Zeug, von Natur zu Kultur, bezeugt das Dasein des Menschen im Gefüge der Dinge. Diesen Verwandlungsvorgang als Bewegung in Zeit und Raum (Tanz der Dinge) zu betrachten, nehme ich als Rüstzeug für meine choreografische Arbeit.
Rüstzeug ist Materie, Materie ist Körperliches. Der Akt der Schöpfung, das Erzeugen, das Ausstellen des Körperlichen birgt die Möglichkeit der Betrachtung des Hervorgebrachten. Das endlose "Spiel" mit Materie hat begonnen, es hält uns in Gang. Zeit gestaltet sich durch Veränderung der Dinge - Raum konkretisiert sich durch sinnstiftende Bewegung im selben. Wir werden uns der Implikationen bewußt, die die Beschäftigung mit und um uns durch die Betrachtung des Anderen beinhaltet. Wenn wir etwas erzeugen, formen wir Identitäten, knüpfen Verbindungen und Strukturen (zwischen Ethik und Ästhetik), erfahren wir wie wichtig das Spannungsfeld ist, indem Rhythmen und Resonanzen Gestalt annehmen. Wir fangen an, zu begreifen, wie wir Sinnliches ausschmücken und Existierendes nach dem Nicht-Existierenden befragen.
Fragmente (Flashes), hervorgerufen durch das Transitorische der Bewegung (von Körpern) - aufregend wandelbar - sind der Ausgangspunkt, der Blickfang. In maßvoller, adäquater Haltung im Miteinander und Gegenüber zur/zum Tänzer/in eröffnet sich Choreografie als Forschungsarbeit. Im Akt des Tanzes erfährt Zeit Differenzierung, Strukturierung und Potenzierung. Wir tanzen (erzählen) von der Veränderbarkeit der Dinge, den Regungen in und um uns und formen dabei die Außenwelt. Der Betrachter (das Publikum) folgt diesen Zuständen, verbindet sie zu Bildern, Szenen, größeren Zeitstrukturen (Stücken): Fülle - Hohlräume, Wiederbelebung - Erschöpfung, Rhythmus - Resonanzen... es entsteht Theater im Sinne imaginärer Raum-Zeit!
Das Engagement dieser (Tanz-)Kunst wird zum Anliegen auf beiden Seiten einer Grenze, Trennlinie (Orchestergraben). Es überträgt sich, es potenziert sich. Tanz (ent-)besteht in der Betrachtung des Gegenübers (des Anderen). Die Bilderwelten umspannen schließlich die getrennten Teile eines Raumes. Es sind Bilder, von denen wir träumen, nach welchen wir uns sehnen, die wir teilen.
Kein geschulter Blick ist erforderlich, um die schweißgetränkten Masken vom wahren Antlitz der Tänzer zu unterscheiden. Kein geschärftes Gehör ist erforderlich, um einen hohlen Unterton aus den Schritten herauszuhören, mit denen wir uns der Zukunft entgegenbewegen, aus unserem "Fortschritt". Hingegen ist es nötig, aufmerksam hinzuhören, wenn man feststellen will, um welche Art von Hohlheit es sich dabei handelt. Es gibt verschiedene Hohlheiten... Unvergleichliches ist unverständlich... Produzieren wir Events für morgen? Fördern wir Brauchtum von gestern? Erliegen wir den Musicals jetzt? Feiern wir Gottesdienste?
Der Vergleich, der sich aufdrängt, ist der mit der barocken Hohlheit! (a baroque party all over Vienna). Damals schritt die westliche Menschheit über Bühnenbretter, ihr Fortschritt war theatralisch. Die barocke Bodenlosigkeit hatte zur Folge, dass alle Handlungen zu großen Gesten wurden. Unsere derzeitige Bodenlosigkeit scheint eher alle unsere Taten in Fragme,nte zu verwandeln. Liegt der Unterschied darin, dass die barocke Hohlheit Folge eines den Boden untergrabenden Glaubensverlustes an die Dogmen der Religion war, während unsere eigene Hohlheit aus dem Verlust des Glaubens an uns selbst resultiert oder an der Wahrheit dieser Welt, die wir uns zu eigen gemacht haben?.
Beim Studium spontaner, vielschichtiger Bewegungsmodalitäten ist Wahrheit/Wachheit Leitmotiv.Der Körper verfügt über eine Vielzahl von Sensoren, die zum Tragen kommen, wenn Grenzen angepeilt und überschritten werden. Im Sinne einer erweiterten Tanz/Choreografiearbeit entstehen neue Arbeitsstrukturen, - die nicht von tradiertem Kodex überlagert werden -, wenn die Rahmenbedingungen verändert werden: Verortung, Raumgefüge, Zeitmaß, Ausdauer, Zusammensetzung des Ensembles etc.
Der individuelle Ausdruck der agierenden ProtagonistInnen, geprägt von veränderten kulturellen Rahmenbedingungen, fördert vielschichtige Bewegungsmuster, neue Rollenbilder und Verhaltensweisen zu Tage. Diese zu begreifen, weiterzuentwickeln und zu potenzieren ist die Aufgabe, die ich mir stelle. Die Herausforderung besteht darin den "Haushalt" der anwachsenden Bilderwelt zu betreuen und zu kultivieren, wobei Physis und Psyche einvernehmlich zu orten sind. Es bedarf eines langfristigen Prozesses und einer tiefen Einschau des Choreografen die originären, individuellen Tanzstrukturen der ProtagonistInnen zu destillieren und zu objektivieren, jedoch nicht zu sterilisieren.
Choreografie schärft Sensoren und entwickelt sich anhand verschiedenster Quellen und Rahmenbedingungen. Sie kann neue Lebensrealitäten und Tiefenwirkungen eröffnen, die sich im alltäglichen Repertoiresystem mit all seinen künstlerischen Tricks nicht ergeben. Ist der Blick des Choreografen scharf, behutsam, fördernd oder manipulativ. Trägt die Betrachtung der Dinge bereits ihre Veränderung mit sich?
Fragment-Kontinuum: der Sammler sieht die Sammlung der Erfahrungen. Darauf achtend daß die persönliche Sichtweise ein sinnvolles Fragment im großen Ganzen darstellt.

